Bäume pflanzen - wo sind die alle?

There are 12 replies in this Thread which has previously been viewed 7,235 times. The latest Post (May 27, 2020 at 9:44 AM) was by Ach.

  • Es gibt ja mittlerweile viele Dienstleister, die gegen Entgelt Bäume pflanzen. Und viele Händler nehmen das in Anspruch und behaupten dann großartig, dass für jede Bestellung ein Baum gepflanzt wird.
    Ich frage mich seit längerem: wo sind die ganzen Bäume? Das müssen ja Milliarden Bäume sein, die unseren Planeten bevölkern.
    Nun ist es ja so, dass sich der Otto-Normal-Verbraucher da vorstellt, dass da wirklich Bäume gepflanzt werden. Auf Werbebildchen ist ja dann auch meist jemand zu sehen, der einen 2jährigen Setzling in der Hand hält. Realistisch stelle ich mir das so vor, dass da kleine Kinder in Entwicklungsländer bezahlt werden, ein paar Samen über ein Feld zu streuen. Von denen das meiste dann von Vögeln weggefressen wird, wenn überhaupt Samen gestreut werden.
    Ich frage mich außerdem, wie lange man diese Marketingmasche noch fahren kann, bis der Gesetzgeber da einen Riegel vorschiebt und die ersten Abmahnungen im Lande herumflattern. Denn im Grunde genommen ist das ja Verbraucherverarsche. Kennt da jemand von Euch genauere Hintergründe dieser wundersamen Baumvermehrung?

  • Naja, in Deutschland alleine gibt es wohl ca. 90 Milliarden Bäume.

    https://de.m.wikipedia.org/wiki/Wald_in_Deutschland

    Da sind ein paar Millionen Bäume mehr die gepflanzt werden zwar ganz nett, aber fallen nicht wirklich groß auf.

    Trotzdem kann das regional natürlich schon was ausmachen und verändern.

    Letzendlich ist das so ähnlich wie mit dem Brunnenbau. Wenn ich jetzt irgendwo eine Brunnenbohrung finanziere dann kann das für die Leute dort einen gewaltigen Unterschied machen. Deshalb hab ich aber noch nicht komplett das globale Problem gelöst das Milliarden von Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben.
    Ist das darum schlecht, weil man nicht alle Probleme auf einmal gelöst hat, sondern nur einen kleinen Beitrag geleistet hat? Ich denke nicht.

  • Wo sollen die überhaupt gepflanzt werden? Wird doch überall gerodet, weil man Platz braucht für Städte, Landwirtschaft, Windräder etc. Überall wo man das nicht braucht, würde sich die Natur die freigegebenen Flächen wohl alleine zurück holen. Sehe ich ja bei mir im Garten, überall versuchen Bäume zu Wurzeln deren Samen der Wind ran getragen hat.


  • Auf Werbebildchen ist ja dann auch meist jemand zu sehen, der einen 2jährigen Setzling in der Hand hält.

    Bin da auch skeptisch, aber es gibt auch gut umgesetzte Projekte: Bei Original Beans kann man sich "seinen" Setzling mit einem Code auf der Verpackung angucken. Ohnehin besteht hier auch ein Zusammenhang mit den Bäumen und dem Produkt selbst.


    Überall wo man das nicht braucht, würde sich die Natur die freigegebenen Flächen wohl alleine zurück holen.

    Das funktioniert wohl nicht überall: "Stark degradierte Standorte sind jedoch durch ein Fehlen von Samenbanken gekennzeichnet, eine natürliche Sukzession ist nur mehr teilweise oder gar nicht möglich. Auf diesen Standorten versuchen wir Wiederbewaldungen und Waldrestauration durchzuführen. Mit selektierten einheimischen Baumarten wird versucht einen artenreichen Wald wieder herzustellen. Dabei werden über 100 verschiedene Baumarten aus der Golf Dulce Region, die in der Finca Modelo kultiviert werden, gepflanzt. Nach der Pflanzung werden die Bäume drei Jahre lang gepflegt und von Lianen befreit. Bis dahin sollten die Jungbäume eine Größe erreicht haben, die das Überleben des Baumes ohne weitere Pflege ermöglicht. Danach wird der Wald sich selbst überlassen und es kann/soll sich wieder ein ursprünglicher Wald entwickeln."

  • Das Bäume pflanzen gut ist, stelle ich gar nicht in Frage. Dass es einen Unterschied zwischen einer Brunnenbohrung und einem Samenkorn gibt, das auf die Erde geworfen wird, ist wohl auch unbestritten.
    Man bekommt für alles einen übergebraten, wenn man nicht stichhaltige Beweise liefert. Kein Hinweis reicht aus, da müssen Zertifikate hochgeladen werden noch und nöcher, damit man keine Abmahnung bekommt. Und hier darf man einfach behaupten, dass für jede Bestellung (manche behaupten ja sogar, für jedes gekaufte Produkt!) ein Baum gepflanzt wird? Niemand kann das beweisen. Weder mit Strichcodes noch sonst wie. Ich finde das sehr merkwürdig. Da ist es doch ehrlicher, einmal im Jahr einen Batzen Geld zu spenden für eine Organisation vor Ort, die man kennt und deren Handeln man transparent sehen kann als irgendwo in der Welt ein Samenkorn sonstwo hinwerfen zu lassen, von dem man nicht wirklich weiß, ob es wirklich geworfen wird und wenn ja, ob es nicht der nächste hungrige Vogel wegpickt. Ich finde, das Ganze ist mit einer gehörigen Portion Naivität gespickt und dient vorrangig dem Kundenfang und nicht dem Erhalt der Natur.

  • So ist es doch auch mit der Nahrungshilfe - da ist die Angst groß, dass eben alles in einem deutschen Wasserkopf mit einem Stern am Auto versandet. Es ist ja auch nicht von der Hand zu weisen, dass die einfache Behauptung zieht - der Urheber sich das so vielleicht vorstellt, ohne eine Leistung zu erbringen.

    Also ich hab just heute gelernt, dass junge Stadtbäume hierzulande eine Lebenserwartung von ca. 25 Jahren haben und die Baumpflege eigentlich begleitende Sterbehilfe ist. Einfacher Grund: es ist zu trocken. Insbesondere in den letzten zwei Jahren. Es ist wohl im Grunde sinnlos einen jungen Baum in die Stadt auf ein 4 qm² Erdfleckle im betonierten Feld zu pflastern. Das ging wohl früher besser, die alten haben weitreichendes Wurzelwerk, die jungen keine Chance.

    Vielleicht ließe sich da eine neue Idee und Bewusstsein stricken, Wasser ist hier ja noch frei verfügbar, dass man ne Art Gießpatenschaften verkauft. Gerade im lokalen Handel. Die Städte kommen ja kaum hinterher. Im letzten Jahr hat hier ne nicht arme Kreisstadt die Wiesenflächen aufgegeben, um mit den vorhandenen Ressourcen eben irgendwie Büsche und Bäume halbwegs zu versorgen.


  • Das Bäume pflanzen gut ist, stelle ich gar nicht in Frage. Dass es einen Unterschied zwischen einer Brunnenbohrung und einem Samenkorn gibt, das auf die Erde geworfen wird, ist wohl auch unbestritten.
    Man bekommt für alles einen übergebraten, wenn man nicht stichhaltige Beweise liefert. Kein Hinweis reicht aus, da müssen Zertifikate hochgeladen werden noch und nöcher, damit man keine Abmahnung bekommt. Und hier darf man einfach behaupten, dass für jede Bestellung (manche behaupten ja sogar, für jedes gekaufte Produkt!) ein Baum gepflanzt wird?

    Krombacher ist quasi der "Erfinder" von Aufforstung im Rahmen von Marketing-Kampagnen. Seitdem die damit angefangen haben, haben sie mehrere Prozesse führen müssen, mehrere Prozesse verloren und die Kampagne immer wieder anpassen müssen, bis sie rechtlich haltbar war.
    Seitdem ist unter Marketing-Rechtlern ungefähr bekannt, wie die Werbeaussage "Bäume pflanzen" gestaltet sein muss, damit sie rechtens ist.

    Wir hatten letzten Sommer eine ähnliche Sache gemacht: Wir haben durch Aufforstung CO2 kompensiert, um ein Produkt CO2-neutral zu machen. Dafür gibt es dann tatsächlich Zertifikate: https://de.wikipedia.org/wiki/Klimakomp…ertifikathandel
    Wir hatten Zertifikate nach dem "Gold-Standard" genutzt.
    Ich habe die Aktion mit Elektro-Großgeräten und TV-Geräten gemacht, allerdings nur stationär. Wenn jemand Interesse hat, das online zu machen, gerne melden, ich freue mich über Nachahmer.


    Quote

    Da ist es doch ehrlicher, einmal im Jahr einen Batzen Geld zu spenden für eine Organisation vor Ort


    Wie bei vielen anderen Produkten ist es einfach viel effizienter, die Produktion in anderen Teilen der Welt stattfinden zu lassen. Genau genommen ist der Effizienzgewinn sogar noch wesentlich größer, weil kein Transport stattfindet. Während in Deutschland Brachfläche zur Aufforstung doch recht teuer ist, gibt es dünn besiedelte Teile der Welt, in denen sich mit wenig Geld viel Wald schaffen lässt. Für die Pflege gilt ähnliches.
    Wenn es um Wirkung geht, lässt sich mit dem gleichen Geld anderswo ein Vielfaches erreichen.
    Anhand von Ecosia kann man sich ja einen Eindruck machen - wie viele Suchen müsste man ausführen, um in Deutschland nur einen einzigen Baum zusammenzukriegen.

  • :durchdreh: Ich habe mich mal mit dem Thema Ende 2019 beschäftigt. Das war ganz interessant. "Mein" Baum wurde in Mexiko gepflanzt. Leider kann man den aber gar nicht besuchen, der Weg führt 250km über einen sehr gefährlichen Feldweg der teilweise gar nicht befahrbar ist. Ein Besuch sei einfach zu gefährlich :durchdreh:

    Verarschen können die sich selbst ;)

  • Die meisten Organisationen von denen ich gelesen haben, forsten ein konkretes Stück Land auf, dass sie für diesen Zweck gekauft haben oder zur Verfügung gestellt bekommen haben. D.h. da kann man im Prinzip auch hinfahren und nachgucken. Das ist jetzt nicht so, dass die einfach mit dem Hubschrauber wahllos über irgendeinen Wald fliegen und ein paar Eimer Eicheln rauskippen.

    Hier z.B. ein regionales Projekt, da kann man im Prinzip schon gucken wo die Fläche genau ist:
    https://www.iplantatree.org/

    Hier ein interessanter Einblick einer US-Baumpflanzorganisation in Betrugsmaschen rund um das Thema:
    https://plantit2020.org/pdf/Scams_Short_Edited.pdf

    Edited once, last by koshop (May 27, 2020 at 8:55 AM).

  • @ Ach:
    Ich meine nicht, die Aufforstung vor Ort. Ich meinte andere Organisationen, denen man mit Geld helfen kann. Das kann klimatechnisch sein, wobei das in meinen Augen alles Humbug ist, oder auch einfach nur ein Hospiz oder von mir aus auch irgendwas zum Thema Tiere.
    Ich glaube nicht an die Baumpflanzungen, wobei ich dann doch eher noch ecosia glaube, dass die zumindest irgendwas machen. Aber alles andere hake ich unter Marketing ab und hoffe, dass jeder halbwegs normal denkende Mensch das kritisch hinterfragt und es genauso behandelt wie die Tatsache, dass man sich den Regenwald groß trinken kann. Aber für vegane junge Mädchen, die ich jetzt mal pauschalisiert als Synonym für die naive Menschheit nehme, die auch glauben, dass 100% recyceltes Plastik aus dem Meer oder aus dem gelben Sack kommt, ist das natürlich eine tolle Sache.
    Von daher muss man abwägen, ob man sich der Lächerlichkeit preis gibt um den Vorteil, als Klimaretter dazustehen, mitzunehmen.


  • dass jeder halbwegs normal denkende Mensch das kritisch hinterfragt und es genauso behandelt wie die Tatsache, dass man sich den Regenwald groß trinken kann.


    Gerade Krombacher hat doch nachweisen müssen, dass sie tatsächlich aufforsten.

    Quote

    @ Ach:
    Ich meine nicht, die Aufforstung vor Ort


    Ok. Vieles andere macht hier vor Ort natürlich auch SInn.

    Aber ich wollte nunmal am Klima arbeiten.
    Da zahlte ich in D rund 90 € pro Tonne CO2 - hier wird über die Renaturierung der Moore gearbeitet.
    In Südamerika kam ich auf nur noch 9 € pro Tonne CO2 über Aufforstung des Regenwaldes nach Gold-Standard. Da bekam ich also die zehnfache Menge zum gleichen Preis...
    Andere Anbieter gehen noch weiter runter, ich meine bis auf ca. 5 € je Tonne CO2, ebenfalls zertifiziert - dann aber nicht mehr mit Aufforstung.

    Ich habe mich letztlich für PRIMAKLIMA e.V. entschieden
    Über den Gold-Standard (entwickelt vom WWF) ist Transparenz gegeben. Es ist nachvollziehbar, wo Flächen hierfür gekauft wurden und wie viel CO2 im Wald nachhaltig gebunden wird.
    NICHT nachvollziehbar ist der inividuelle Baum, aber das war auch gar nicht mein Ziel.

    Die Stiftung Warentest hat sich des Themas übrigens auch angenommen: https://www.test.de/CO2-Kompensati…hutz-5282502-0/

    Wenn Du das als Marketing-Aktion machen möchtest, kannst Du es also so gestalten, dass Du sicher sein kannst, dass Du tatsächlich die beabsichtigte Wirkung erzielst. Und die Kosten sind echt moderat. Ich hatte am Ende 4 Tonnen CO2 für rund 40 Euro gebunden.

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